23.10.2015

Mein Gespräch mit dem Analysten Marcus Silbe von Oddo Seydler

Ich habe mich gestern über eine Stunde sehr ausführlich mit Marcus Silbe von Oddo Seydler unterhalten. Ich sah einen Klärungsbedarf, wie es zu der Kurszielabstufung kam, obwohl seine Schätzungen bei der BVB Aktie klar übertroffen wurden.

Schon mal vorweg: Das Gespräch war sehr angenehm und konstruktiv. Es wurde vereinbart, daß wir weiter in Kontakt bleiben, auch weil er bedingt durch meine zahlreichen Aktivitäten in den Diskussionsforen bei Wallstreet Online, bzw. Ariva und Twitter einige Tips und Anregungen bekommen hätte, ich könne ihn gerne auch direkt auf Dinge hinweisen die mir auffallen würden. Das Interesse ist auch meinerseits, ich habe durch ihn Dinge erfahren, die mich brennend interessiert hatten, für die ich aber trotz zahlreicher Quellen keine klaren Antworten bekam.
Mir war nicht klar, warum die Analysten nicht schon im Vorfeld auf die CL Ausfallversicherung hingewiesen hatten, denn daß es eine Versicherung gab, stand im Wertpapierprospekt zur Kapitalerhöhung die für jeden einsehbar war.
Aus rechtlichen Gründen wäre dies nicht möglich, aber auch weil unklar war, um welche Summe es sich überhaupt konkret handeln würde. Im Fall einer Nicht Teilnahme der Euro League wäre der Ausfallbetrag deutlich höher gewesen, nämlich 35 Millionen (!).

Am 14.8.2014 hatte Oddo Seydler 256,1 Mio Umsatz für die Saison 2014/15 geschätzt unter der Bedingung daß man Platz 3 erreicht. Tatsächlich gab es eine Saison, in der die sportlichen Erwartungen verfehlt wurden, diese Umsatzschätzung aber mit 276 Mio dennoch sehr deutlich übertroffen wurde. Hinzu kamen 12 Mio durch die CL Ausfallversicherung die in diesem Umsatz nicht auftauchen, wohl aber in der Gesamtleistung. Auch die Schätzung für die laufende Saison hat Marcus Silbe nach oben angepasst, obwohl man nicht Champions League spielt, erwartet wird jetzt ein um 9 Mio höherer Umsatz als noch zu Beginn der Saison 2014/15, nämlich 282 Mio.
Im Gespräch wurde deutlich, daß diese Schätzungen ggf. weiter angepasst werden müssen, sollte Borussia Dortmund sportlich erfolgreich sein.
Aber zum heutigen Zeitpunkt konnte man sagen, daß die Gesamteinnahmen für beide Jahre 41 Mio höher liegen, als noch am 14.8.2014 geschätzt, und daß in diesem Zusammenhang eine Kurszielabstufung von 6 auf 5 Euro klärungsbedürftig ist.
Ich hatte vor allen Dingen die sehr späte Abstufung kritisiert, denn bei einem Aktienkurs von knapp 3,80 am Ende der Hinrunde war der Abstand zum Kursziel schon sehr gewaltig. Marcus Silbe hatte da aber noch einen größeren Optimismus für den sportlichen Verlauf, auch war noch nicht klar, daß bedingt durch die Leerverkaufsaktivitäten von BlackRock der Kurs weiter in Mitleidenschaft geraten würde.
Ich kann sein Verhalten jetzt zumindest nachvollziehen, auch wenn ich mich selber da taktisch anders verhalten hätte. Für mich ist die entscheidende Frage, inwieweit eine Kurszielabstufung ein Signal an die Märkte ist. So ein Signal hätte man beim Tabellenletzten eben gar nicht falsch verstehen können, kurz vor der Euro League Qualifikation hingegen schon. Aber das wären Details, denn im Grunde habe ich mit ihm die größte Übereinstimmung, denn ich sehe selber für die nächsten 12 Monate ebenso ein Kursziel von 5 Euro, welches ich bei weiteren guten Nachrichten ggf. anpassen würde.

Ob sich Seydler in dieser Sache in irgendeiner Form unlauter verhalten hätte, insbesondere bei den sehr merkwürdigen Aktivitäten von BlackRock kann ich zu 100% ausschließen. Dafür habe ich nach diesem Gespräch einen Instinkt, der jeglichen Verdacht ausschließt.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wies Marcus Silbe ausdrücklich auf die in seinen Analysen genannte faire Bewertung der Aktie bei 7,27 hin. Man müsse unterscheiden zwischen der fairen Bewertung, die objektiv überprüfbar sei und dem Kursziel an sich. Das sehe ich genauso.

Interessant wurde es auch bei der Erörterung der möglichen Gründe für die sehr krasse Unterbewertung der Aktie. Großinvestoren hätten sich in dieser sportlich prekären Situation weniger für Daten und Zahlen interessiert, bei einer Abstiegsgefahr würde einem auch das erhebliche Risiko bewusst, bzw. wenn man nicht Champions League spielen würde, fehle der Glanz und es wäre nun mal eine klare Verschlechterung.
Besonders erschwerend ist auch der hohe Free Float der Aktie. Die BVB Aktie wird teilweise von Kleinanlegern dominiert. In den Foren könne man mühelos erkennen, daß eine große Uneinigkeit bestünde. Dinge würden diskutiert, die überhaupt nicht relevant wären. Es gibt kein Aktienkückkaufprogramm, weil man den Aktienkurs nicht mit Geldmitteln nach oben treiben muss, eben weil auch keine Kapitalerhöhung geplant ist. Wofür Borussia Dortmund das eingenommene Geld verwenden würde, wurde eigentlich klar kommuniziert, wenn in den Foren aber eine abweichende Meinung bestünde, die den zugleich niedrigen Aktienkurs erklären soll, wäre das klar negativ zu werten.
Marcus Silbe nannte aber nicht nur diese negativen Diskussionsstränge, sondern z.B. auch das genannte Kursziel von 9,90 welches nichts mit der Realität zu tun hätte. Ich hatte da gleich eingehakt, daß dies eine große Ausnahme gewesen wäre und die Optimisten die Sache eigentlich mehrheitlich realistisch einschätzen würden.
Für den kurzfristigen Verlauf müsse man sehen, inwieweit die BVB Aktie tatsächlich das Kursziel von 5 Euro erreicht, es wäre eine weite Strecke. Beim mittel- und langfristigen Szenario bestünde aber bei einem normalen sportlichen Verlauf kaum ein Zweifel daran, daß die Aktie steigen müsse. Es gäbe ein ganz gewaltiges und deutliches Wachstum, dem der Aktienkurs Rechnung tragen müsse, da die Diskrepanz zwischen fairer Bewertung und dem Aktienkurs kaum noch höher ausfallen würde. Ein Anstieg des Aktienkurses würde zudem vermutlich Anschlusskäufe nach sich ziehen.

Dazu noch eine kleine Anmerkung von mir, die nicht in diesem Gespräch erörtert wurden:

Der Aktienkurs ist von Juni 2012 bis Juli 2014 um über 150% gestiegen, nämlich von 2,10 bis knapp 5,20 dazu die Dividenden, also 5,40. Die sportlichen Misserfolge führten letztlich auch zu Gewinnmitnahmen, letztlich sehe ich das auch in meinem eigenen Anlegerverhalten, weite Teile des Marktes verhalten sich genauso. Beim Kursziel 5 Euro hatten viele verkauft, ähnliches war zuvor bei den Kurszielen 3, bzw. 4 Euro zu beobachten. Wenn man sich das historische Kursverhalten der BVB Aktie anschaut, wäre das zweite Erreichen der 5 Euro Marke nicht zwingend mit weiteren Konsolidierungen verbunden, zumindest interpretiere ich den Kursverlauf von 2012 bis 2014 so.